Amneus: Regulierte weibliche Sexualität als Anreizsystem

Beginnen wir Amneus’ Diskussion zur Überlegenheit des Patriarchat mit einer seiner zynischeren Überlegungen: Der Regulation weiblicher Sexualität zwecks effektiverer Ausbeutung männlicher Arbeitskraft:

Das Patriarchat nutzt Sex als Motivator für männliche Leistung. Es sagt zu Jungen: “Wenn du die Disziplin akzeptiert, wenn du eine Menge Geld machst, wenn du einen Ruf für deine Integrität erarbeitest, für deine Loyalität zu deinem Arbeitgeber, wenn du einen hohen Status erreichst, dann wirst du eine attraktive Frau heiraten können.

Das Patriarchat nutzt also geschickt den männlichen Sexualtrieb und die weibliche Hypergamie aus. Anders herum funktioniert das Spiel nicht:

Es ist nicht möglich, dass eine Gesellschaft sich so organisiert, dass der Sexualtrieb als Motivator für weibliche Leistung ausgenutzt wird. Was würde mit einer Gesellschaft passieren, die Mädchen folgendes erzählt: Wenn du Disziplin im Klassenraum und dem Arbeitsplatz akzeptierst und all die anderen Dinge, die wir von Jungen verlangen, dann wirst du dich dafür qualifizieren, wen zu heiraten? Einen schnell-sprechenden Gigolo? Einen muskulösen Surfer? Einen drogen-abhängigen Rock-Musiker? […] Nur zu!
[…]
Es mag unfair erscheinen, für mächtige Frauen, die viel erreicht haben, dass die Frauen in diesem Szenario ihre Jugend und sexuelle Attraktivität ausnutzt und nicht ihre Errungenschaften […] Eine erfolgreiche Frau mag annehmen, dass ihre Errungenschaften sie dazu berichtigt auf ähnliche Weise von Männern begehrt zu werden, wie Frauen umgekehrt erfolgreiche Männer begehren. Aber es funktioniert so nicht. Die Präsidenten Kennedy und Clinton fanden sich umgeben von willigen Frauen; Madaleine Albright und Janet Reno dagegen würden sich nicht mit ihren Untergebenen abgeben. Die weibliche Hypergamie verhindert einen solchen Gender-Tausch […]
Frauen fühlen sich von reichen, status-hohen Männern angezogen, aber Männer nicht von reichen, status-hohen Frauen. Frauen wollen Männer heiraten, die älter, größer, muskulöser, reicher, besser gebildet, und einen höheren Status haben als sie selbst.
[…]
Hypergamie ist einfach die Art und Weise, wie die Dinge sind. […] Hypergamie dient dem gesellschaftlichen Interesse, oder besser gesagt, die patriarchale Gesellschaft ordnet sich gemäß dem Prinzip der Hypergamie an. Die Männer, die am meisten erreichen, bekommen auch die attraktivsten Frauen. Das ist, wie das Patriarchat Sex ausnutzt (“puts sex to work”).

An anderer Stelle wird er sprachlich noch direkter:

Eine Frau kann nicht dazu motiviert werden, eine Familie zu unterstützen, weil sie einen Mann liebt oder sexuelle Abenteuer mit ihm haben möchte. Aber die Gesellschaft kann die Frau als Sex-Objekt nutzen, um einen Mann zu motivieren, eine Familie zu unterstützen, Steuern zu zahlen, Immobilien und Aktien zu kaufen – zur Gesellschaft beizutragen anstatt sie zu zersetzen. Aus diesen Gründen muss die weibliche Sexualität reguliert werden.

Der Zugriff auf sexuelle Ressourcen ist also ein wesentlicher Motivationsfaktor für Männer. Überlässt man der individuellen Frau die Kontrolle ihrer Sexualität (“sexuelle Emanzipation”), kollabiert das geschickte Anreizsystem des Patriarchats. Da auch Frauen von Natur aus sexuell begierige, promiskuitive Wesen sind, werden sie die Ressourcen viel zu großzügig verteilen. Und sie werden Sex nach unproduktiven Kriterien verteilen.

Unter den von Amneus’ avancierten Zuständen – hoher Druck auf Frauen zur Keuschheit außerhalb der Ehe, kein Wohlfahrtsstaat im heutigen Sinne – bietet sich folgendes Bild: Ein mittelmäßig-talentierter Mann, der mittelmäßig aussieht – also der Typus von Mann, der die Mehrheit darstellt, der Beta-Mann – kann sich einen überdurchschnittlich guten Standpunkt auf dem Sexualmarkt erarbeiten, indem er seinen Wert als Humankapital maximiert: Sich eine hohe Arbeitsmoral aneignet, in seine Ausbildung investiert, usw.

Keuschheit und Monogamie wurden wesentliche Bestandteile des Kapitalismus. Es war ein Genie-Streich: Arbeit wurde sexy.

Existiert dagegen ein Wohlfahrtsstaat und die Frauen dürfen herumhuren, hat er relativ zu anderen Männern deutlich weniger zu bieten: finanzielle Absicherung bietet bereits der Staat und deutlich mehr kann er aufgrund seiner nur mittelmäßigen Talente nicht bieten. Für Frauen treten dann anderen Dinge in den Vordergrund: Gutes Aussehen, positives Abschneiden bei teils destruktiven Männlichkeitsritualen, Charme, usw. Der Zugang zu sexuellen Ressourcen ist für den normalen Mann jedenfalls kein guter Grund mehr, in sich als Humankapital investieren. Er endet letztlich nur als nützlicher Idiot, der mit seiner Arbeitskraft den Mehrwert erwirtschaftet, der nötig ist, um die ganzen Wohlfahrtsprogramme aufrecht zu halten. Seine Position auf dem Sexualmarkt könnte er deutlich effektiver maximieren, indem er sich Dingen widmet, die für den Arbeitsmarkt höchstens bedingt wichtig sind.

Das ist das Ghetto-Muster: weibliche sexuelle Unverantwortlichkeit und männliche Unverantwortlichkeit hinsichtlich der Arbeit.

Gegen Prostitution hat er dann allerdings keine prinzipiellen Einwände. Er hält den männlichen Sexualtrieb für zu stark, als dass deren Regulation im ähnlichen Maße erfolgen könnte, wie es bei Frauen der Fall ist. Prostitution sollte zwar etwas Anrüchiges behalten, aber erhältlich bleiben:

„Es gibt Frauen, die du vögelst, und Frauen, die du heiratest“. Wo alle Frauen bereit sind, zu vögeln, da bleiben keine mehr übrig, die du heiraten kannst. Feministen wollen das nicht verstehen. Frau Coontz, beispielsweise, sagt, „der traditionelle Doppel Standard … mag dazu geführt haben, dass mehr Frauen der Mittelschicht im 19. Jahrhundert Sex auf später verschoben, aber das führte auch dazu, dass es mehr junge, weibliche Prostituierte gab“. Natürlich. Das sind die Frauen, die du vögelst. Die patriarchale Gesellschaft nutzt diese Frauen, sie sind Teil des Programms zur Regulation der Sexualität. Sie sind ein essentieller Teil des Systems, aber Männer heiraten solche Frauen nicht, da es unmöglich ist, mit ihnen eine Familie zu gründen.

Was Feministen als slut-shaming bezeichnen, ist für Amneus letztlich ein moralischer Imperativ, der teilweise durch das Gesetz unterstützt werden muss.

Hätte Amneus noch ein paar Jahre länger gelebt, hätte er China als gelungenes Beispiel für seine Vorstellungen anführen können. Prostitution und Pornographie sind zwar überall erhältlich, sind aber offiziell verboten und werden bekämpft – eine Doppel-Moral ganz in seinem Sinn. Aufgrund der selektiven Abtreibung weiblicher Föten gibt es einen Männerüberschuss, der dazu führt, dass Frauen ihre Ansprüche an einen potentiellen Ehemann weit nach oben schrauben können:

Nowadays, 70 percent of Chinese women believe a man should provide an apartment, along with a marriage offer, according to a 2011 survey. In economic terms, the relative scarcity of women is giving them bargaining power.  […]

„Rising sex ratios contribute to two percentage points of GDP growth,“ says Xiaobo Zhang, a professor of economics at Peking University, who also works at the International Food Policy Research Institute.
His studies have found that up to 25 percent of the growth in China’s economy stems back to the effect of the rising sex ratio. Together with Shang-Jin Wei, from Columbia University, he’s also found that 30 to 48 percent of the real estate appreciation in 35 major Chinese cities is directly linked to a man’s need to acquire wealth – in the form of property – to attract a wife.

Das ganze nimmt extreme Züge an:

So parents like Wei’s often start saving up from the moment their son is born. […]
Just a few weeks have passed since the wedding, and they’re already expecting their first child. They hope it will be a girl.
„We wouldn’t have to buy her an apartment,“ Wang says, „and she’d cost us less than a boy.“

Das System scheint zu funktionieren. In China ist der Preis für Frauen vor allem durch das ungleiche Geburtenverhältnis gestiegen; Amneus dagegen setzt auf eine rigide Sexualmoral und kapitalistische Logik (bloß kein femizentrischer Sozialstaat!), um Frauen dazu zu treiben, ihre Sexualität zu einem hohen Preis zu verkaufen. Bei der Kontrolle weiblicher Sexualität geht es nicht nur um Sicherstellung der Vaterschaft. Männer sollten keinen Sex bekommen, ohne gleichzeitig etwas für die Gesellschaft leisten zu müssen.

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3 Gedanken zu “Amneus: Regulierte weibliche Sexualität als Anreizsystem

  1. Ein sehr schöner Artikel. Vielen Dank dafür. Vieles was darin steht wusste ich schon aber es kann gar nicht oft genug betont werden.
    Diese Probleme in unserer Gesellschaft sind meiner Meinung nach insbesondere vorhanden seit die Babyboomer immer mächtiger geworden sind. Also eigentlich irgendwie seit dem 2. Weltkrieg Stück für Stück.

    Gefällt mir

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