Victim-Blaming – eine Verteidigung

Die Kritik am „Victim-Blaming“ ist zentraler Bestandteil zahlreicher feministischer Kritiken. Ich habe diese Verpamperung von “Opfern” nie verstanden – ganz egal, ob das “Opfer” nun ein Mann oder ein Frau ist, ob es um eine Sexualstraftat oder andere Gewalttat geht. Es ist häufig moralisch gerechtfertigt, dem Opfer Vorwürfe zu machen, und es ist häufig notwendig, um ähnliche Taten zu verhindern. Kritiker des Victims-Blaming scheinen sich alle Mühe zu geben, die Vorwürfe misszuverstehen oder sie falsch darzustellen.

Ein häufiger Einwand ist, man würde versuchen, den Täter zu entlasten oder die Tat zu entschuldigen. Das ist nicht der Fall. Victim-Blaming und Offender-Blaming schließen sich nicht gegenseitig aus; man kann ohne Widerspruch beiden Gruppen Vorwürfe machen, „Tätern“ wie „Opfern“. Häufig wirft man Tätern und Opfern unterschiedliche Dinge vor und in den seltensten Fällen haben die Vorwürfe ein identisches Gewicht.

Natürlich gibt es auch Fälle, in denen die Beschuldigung von Opfern sinnlos ist. Eine Kategorie von Fällen betrifft unmündige Opfer: Kinder, geistig Behinderte, psychisch Kranke. Wird ein kleines Mädchen von ihrem Vater vergewaltigt, macht es keinen Sinn, ihr Vorwürfe zu machen. Sie ist zu klein, zu dumm, zu machtlos. Was soll sie schon tun? Gelegentlich werden auch mündige Menschen zu Opfern, ohne dass man ihnen etwas vorwerfen kann; etwa bei Amokläufen – sie waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Aber solche Fälle sind die Ausnahme.

Manchmal ist es bei einem konkreten Opfer zu einem konkreten Zeitpunkt unangebracht, ihm Vorwürfe zu machen. Aber das sollte man nicht um Vorwand nehmen, das Opfer dauerhaft von Kritik zu verschonen; auch dann, wenn es nicht mehr so labil ist.

Aber nun zur eigentlichen Frage: Warum sollte man Opfern überhaupt Vorwürfe machen? Und was sollte man ihnen vorwerfen?

1) Das „Opfer“ ist meist nicht nur „Opfer“, sondern gleichzeitig auch „Täter“, manchmal sogar Hauptaggressor.

Gemäß der Opfer-Ideologie wird uns häufig ein wohlmeinendes Opfer (meist „Frau“) präsentiert, das nur seines Weges gehen wollte, und dann aus heiterem Himmel von einem böswilligen, häufig sadistischen Täter (meist „Mann“) attackiert wird. Zustände wie einem Kinder-Comic: auf der einen Seite die herzensguten, freundlichen Schlümpfe (die „Opfer“) – auf der anderen Seite der böse Zauberer Gargamel (der „Täter“). Aber wer sich als reines Opfer einer bösen Gegenseite präsentiert, liegt meist falsch; häufig belügt das Opfer sich selbst, etwa um ein positives Selbstbild aufrechtzuerhalten – häufig belügt es andere, um Mitleid oder Aufmerksamkeit zu erhaschen.

Die Realität ist komplizierter, die Gewalt resultiert zumeist aus einem Zyklus von Ereignissen, in dem sich „Täter“ wie „Opfer“ gegenseitig verbal wie physisch attackieren und zu zunehmend aggressiveren Taten anstacheln. Einer („Opfer“) liegt vielleicht am Ende mit einem komplizierten Bruch im Krankenhaus, während der “Täter” unversehrt bleibt. Aber das bedeutet nicht, dass das “Opfer” weniger zur Konflikt-Situation beigetragen hat. Vielleicht hat er nur Pech und einer seiner Verteidigungsversuche schlug fehl, während der „Täter“ weitaus brutalere Angriffsversuche des „Opfers“ wie durch ein Wunder unverletzt überstand.

Gerade bei Taten innerhalb von Beziehungen neigen viele zu einer Schwarz-Weiß-Sicht: Ein krankes Individuum („Mann“) auf der einen Seite – auf der anderen Seite ein unschuldiges, hilfloses Familien-Mitglied („Frau“), das von dem Kranken attackiert wird. So etwas kommt zwar vor, aber auch hier überwiegen die anderen Fälle; meist stacheln die beiden Partner sich gegenseitig auf, bis eine Seite das Nachsehen hat.

 
2) Das „Opfer“ handelte leichtsinnig, ist bewusst ein Risiko eingegangen oder gar wissentlich in sein eigenes Verderben gelaufen.

Und diese Leichtsinnigkeit muss man dem Opfer natürlich vorwerfen. Wer nicht „Opfer“ werden will, muss lernen, Gefahren und Tätern aus dem Weg zu gehen, den Tätern das Spiel nicht allzu einfach zu machen.
Die Welt ist nun einmal ein gefährlicher Ort; es gibt unzählige Psychopathen, Sadisten und andere problematische Menschen auf der Welt. Es ist nicht möglich, alle zu identifizieren und anschließend zu überwachen oder einzusperren; man muss sich mit ihrer Existenz abfinden. Die „Gesellschaft“ kann einen nicht vor allen Gefahren beschützen. Man muss selbst Risiken einschätzen und vorausschauend handeln.

Wer sich mit Drogen und Alkohol vollpumpt und sich in fragwürdigen Kneipen und Discos umhertreibt, geht ein höheres Risiko ein, als jemand, der nüchtern bleibt oder nur Drogen konsumiert, wenn er sich im vertrauten Freundeskreis bewegt. Die enthemmende Wirkung vieler Drogen ist bekannt, ebenso die Tatsache, dass manche Orte häufiger von dubiosen Gestalten aufgesucht werden als andere.

Eine fast schon klassische Klage in diesem Zusammenhang ist, man würde Vergewaltigungsopfern vorwerfen, sie hätten den sexuellen Übergriff durch aufreizende Kleidung selbst provoziert. Derartige Vorwürfe sind im Kern gerechtfertigt, sie werden lediglich von Feministen verdreht dargestellt. Dabei ist die Logik dahinter trivial: Sexy Kleidung und Make-Up erhöhen nicht nur die Wahrscheinlichkeit, dass man von den begehrten Männchen wahrgenommen wird – sie erhöhen auch die Wahrscheinlichkeit, dass man von den Falschen wahrgenommen wird. Es ist ein Risikofaktor, den man mit in die Kalkulation einbeziehen muss.
In manchen Kontexten ist es kein Problem. Am Strand oder in der Sauna kann man meist ohne Bedenken nackt herumlaufen. Es gibt dort genug Menschen, die soziale Kontrolle ausüben. Aber nachts, in der Nähe einer berüchtigten Rocker-Kneipe, ist es vielleicht keine gute Idee, viel Haut zu zeigen. Was treibt man sich da überhaupt herum? Und dann noch aufgedonnert wie eine Hure? Ja, man kann es tun; jeder muss für sich selbst entscheiden, welches Risiko er eingehen will. Aber man kann dann nicht von der Gesellschaft erwarten, dass sie einen vor den negativen Folgen seiner Entscheidung beschützt. Vielleicht kann man den Täter im Nachhinein fassen und bestrafen – aber dann ist es ja schon passiert.

 
3) Das Opfer boykottiert die Generalprävention und lässt andere Menschen ins offene Messer laufen.

Der letzte Punkt betrifft vor allem Sexualstraftaten wie Vergewaltigungen. Es liegt in der Natur solcher Taten, dass es meist nur zwei Beteiligte gibt (“Täter” und “Opfer”) und keine weiteren Zeugen; meist kennen sich Täter und Opfer näher. Kommt es zur Anzeige, steht oft Aussage gegen Aussage: Das Opfer beklagt die Tat, der Täter leugnet. Häufig wird der Täter freigesprochen, weil die genauen Umstände zweifelhaft bleiben – das dubio-pro-reo-Prinzip arbeitet für ihn. Das ist sicherlich mit ein Grund dafür, warum die Mehrheit der Opfer ihre Tat nie zur Anzeige bringt.
Aber wie soll die Gesellschaft einen Täter bestrafen und weitere Taten durch ihn verhindern, wenn die Opfer schweigen?

Dass ein Täter nicht nur ein Opfer vergewaltigt, ist alles andere als selten. Es gibt einen gewissen Prozentsatz von Tätern, die für einen überproportional großen Anteil von Taten verantwortlich sind. In den Nachrichten liest man regelmäßig von solchen Fällen: Bill CosbyJames Deen und andere. Ein Opfer macht seine Story publik – und plötzlich melden sich viele andere und beschuldigen den Täter weiterer Übergriffe. In einigen Fällen, gerade wenn der “Täter” reich ist, hat man es sicherlich mit professionellen Lügnerinnen zu tun, denen es um Vermarktung ihrer angeblichen Story und Schmerzensgeld geht. Aber in sehr vielen Fällen sind die Vorwürfe wahr.
Warum konnte der Einzeltäter so lange sein Unwesen treiben und nacheinander unzählige Frauen vergewaltigen? Ja, genau, weil alle Opfer so lange geschwiegen haben. Wer schweigt, schützt den Täter, gefährdet andere Menschen.

Eine Anzeige, die nicht zu einer Verurteilung führt, bleibt noch lange nicht wirkungslos. Der Täter wurde bloßgestellt, befand sich in einer sehr unangenehmen Situation. Er ist dann polizeibekannt und muss damit rechnen, bei der nächsten Beschuldigung nicht mehr so glücklich davonzukommen. Ein Opfer, das seinen Täter nicht angezeigt hat, muss mit der quälenden Ungewissheit leben, dass sein Schweigen möglicherweise weitere Menschen in Gefahr gebracht hat.

Moralische Appelle, eine geeignete Erziehung und ähnliche Maßnahmen genügen leider nicht, um alle Menschen auf den Pfad der Tugend zu bringen. Manche lassen sich durch nichts von ihren Taten abschrecken, man muss sie nach dem Übergriff schnellst möglich aus dem Verkehr ziehen. Andere potentielle Täter lassen sich nur von der Aussicht abschrecken, mit hinreichender Wahrscheinlichkeit im Anschluss selbst Ärger zu bekommen. Beides kann nur funktionieren, wenn Opfer ihre Taten auch zur Anzeige bringen.

 
Die Verpamperung von “Opfern” muss aufhören! Wer Opfer mit Vorwürfen verschont, stellt sie letztlich auf eine Stufe mit kleinen Kindern oder geistig Behinderten; er nimmt sie nicht als handelnde Subjekte ernst, die Verantwortung für ihre Sicherheit und die Gesellschaft als Ganzes tragen. Wie Camille Paglia schrieb: “Too many young middleclass women, raised far from the urban streets, seem to expect adult life to be an extension of their comfortable, overprotected homes. But the world remains a wilderness. The price of women’s modern freedoms is personal responsibility for vigilance and self-defense.

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2 Gedanken zu “Victim-Blaming – eine Verteidigung

  1. Ein sehr guter Beitrag, der den Kern des „Victim-Blaming“ sehr gut erfasst.

    Das einzige, was ich hier vermisst habe, ist das Eingehen auf Falschbeschuldigungen, welche auch eine massive Wirkung auf die tatsächlichen Opfer einer Straftat haben.

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  2. Die Annahme, die Vorwürfe gegen Cosby und Deen seien zutreffend, triggern mich auch ein bisschen. Aber egal.

    Den Kern, warum „Victim-Blaming“ nicht nur nötig sondern bisweilen sogar gut ist, hast Du für mich noch nicht richtig getroffen. Bei dem Vorwurf „Victim-Blaming“ werden meistens 2 Kategorien vermischt, die man besser trennt: 1. die moralische Schuld und 2. praktische Handlungsmöglichkeiten.

    Die Bestätigung von anderen, dass ein Verletzer aber der böse war, hat wahrscheinlich eine gewisse Funktion für die eigene geistige Hygiene und dürfte auch der Vergewisserung dienen, dass man Verbündete hat, die einem helfen. Aber ansonsten ist die Frage nach der moralischen Schuld ziemlich sinnlos. Das hilft einfach nicht weiter.

    Was aber hilft ist in jeder Situation die Frage an sich selbst „was hätte ich besser machen können um das zu verhindern, was kann ich nächstes Mal besser machen?“. Dein Aspekt der Risikoabschätzung bei knapper Kleidung geht in diese Richtung. Man kann in erster Linie immer nur beeinflussen, worauf man selbst Einfluss hat. Die Frage nach der Verantwortung des Opfers ist daher eine empowerende Frage, denn sie läuft darauf hinaus, herauszufinden welche Mittel aus den eigenen Möglichkeiten und ohne Hilfe von anderen bestehen um der Gefahr zu begegnen. Man sollte eigentlich immer annehmen, dass alles die eigene Schuld ist, denn das eröffnet die Möglichkeit zu denken, wie man Macht über die Dinge bekommt.

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